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Das Herz zurückbringen

Beitragsserien: Achtsamkeit

In asiatischen Sprachen werden die Begriffe „Herz“ und „Geist“ häufig synonym gebraucht. Wenn wir daher im Englischen von „mindfulness“ sprechen, können wir zugleich auch an „heartfulness“ denken.

Im angeführten Zitat des Hl. Franz von Sales wird diese Verbindung von Herz und Geist ebenfalls deutlich, weil der Autor vom Herzen spricht das „wandert und leidet“. Ich denke, dass hier ein Vorgang beschrieben wird der sowohl die mentale als auch die emotionale Komponente des Menschen betrifft, also Geist und Herz. Dabei finde ich die Aussage bemerkenswert, dass die Unfähigkeit in der Gegenwart zu bleiben als etwas beschrieben wird, was Leid verursacht.

Zugleich wird in diesem christlich inspirierten Text die Gegenwart als Gegenwart Gottes beschrieben, also als heiliger „Raum“, oder Raum des Heiligen. Die Gegenwart wird als lebendige Präsenz, als göttliches DU erfahren, das zur Begegnung einlädt. Aber es braucht Geduld und Wiederholung in dieser Begegnungszone mit dem Lebendigen zu bleiben.

Was es mit Zeit und Gegenwart auf sich hat, ist auch philosophisch interessant und hat schon den Kirchenlehrer Augustinus umgetrieben. Er stellt sich etwa die Frage, ob es Vergangenheit und Zukunft überhaupt „gibt“, da sie ja schon vorbei bzw. noch nicht da sind. Und wie lange dauert eigentlich die Gegenwart? Hat der Augenblick eine Ausdehnung, zerfällt er bereits in Vergangenheit und Zukunft. Hat er keine Ausdehnung, wie kann er dann überhaupt existieren?

Die Gegenwart lässt sich vom Denken nicht erfassen, weil es Zeit braucht einen Gedanken zu fassen. Die Gegenwart ist aber nicht Teil der Zeit. Plakativ gesprochen hat die Gegenwart die Qualität von „Ewigkeit“ – ewige Präsenz. Und da sind wir wieder bei Gott, beim Nicht-Wissen und beim Paradoxon menschlichen Lebens.

Hier blitzt das Mysterium auf, das wir zwar nicht fassen können, von dem wir aber immer schon umfangen sind, weil unsere eigene Existenz gar nicht getrennt davon gedacht werden kann. Um diese Erfahrung zu berühren, müssen wir über das Denken hinausgehen und unser Herz bzw. unseren Geist „hierher“ bringen, in die Erfahrung des Seins. Die Zusage lautet: Wir können uns der Hand des Seins anvertrauen und jeden Moment als neue Schöpfung feiern.

Ich lese dieses Zitat des Hl. Franz von Sales, als Einladung zur konreten Erfahrung. Der Text drückt die permanente Bemühung aus, die es braucht, um immer wieder aufs Neue diesen Moment als etwas Bemerkenswertes, als „Augenblick Gottes“ zu erkennen. Hilfreich finde ich den Hinweis, das eigene Herz „sanft“ zurückzubringen. Also nicht allzu kritisch mit sich zu sein, denn es ist eben die Natur des Geistes bzw. der Herzens, „zu wandern und zu leiden“.

Dennoch ist es möglich die Erfahrung zu machen, dass die Stille, der Friede, Gott immer hier sind. Die Frage ist nur, ob wir auch „hier“ sind.