171691 8675 Tauler Leer Werden Kopie

Fülle und Leere

Beitragsserien: Meditation

Vielleicht sollte man diesen Text des Dominikanermönches Johannes Tauler unkommentiert für sich sprechen lassen. Andererseits ist das eine Seite über MBSR und da kann die Frage auftauchen, was hier ein religiöser Text aus dem Mittelalter verloren hat. Schließlich ist MBSR weltanschaulich neutral.

Ich schätze die weltanschauliche Neutralität von MBSR sehr und verstehe sie so, dass es nicht nötig ist einer bestimmten Tradition zu folgen, um dieses Kurs-Programm erfolgreich anzuwenden. Es genügt die empfohlenen Übungen mit einer interessierten und erforschenden Haltung zu praktizieren, weil es um Erfahrungen geht, und nicht um einen weltanschaulichen Disput, „wer recht hat“.

Im Zusammenhang mit dem Thema Erfahrung ist mir als Theologen wichtig, an die Tradition der christlichen Mystik zu erinnern, in der es auch sehr explizit die Idee der Praxis, des Einübens und des Weges gibt. Leider ist dieser Aspekt nicht immer so präsent, aber es gibt auch in der christlichen Tradition die Idee des Innehaltens und der Achtsamkeit. Daran möchte dieses kleine Zitat erinnern.

Tauler bezieht sich dabei auf eine Bibelstelle, nämlich die sogenannte Tempelreinigung (z.B. Mt 21,12ff): Jesus sieht das geschäftige Treiben im Tempel in Jerusalem und gerät darüber so sehr in Rage, dass er aktiv wird, um die Händler zu vertreiben. Ich finde diese Stelle sehr bemerkenswert, weil sie dem gängigen Klischee des sanfte Jesus widerspricht und Jesus voller leidenschaflicher Energie zeigt.

Aber Tauler sieht an dieser Stelle noch etwas Anderes. Er nimmt den Tempel als Bild für unseren Geist und deutet die Szene symbolisch. In unserem Geist sollte Ruhe, Frieden bzw. Gott herrschen, aber stattdessen ist da der Lärm der Händler und Geldwechsler. Also Kaufen und Verkaufen, Angebot und Nachfrage, Chaos, Wirbel, Durcheinander. Tauler spricht von den Bildern und Fantasien, die uns aufwühlen und nicht zur Ruhe kommen lassen und argumentiert: kein Wunder, dass wir in einem solchen Zustand Gott nicht erfahren können. Dazu müssten wir erst einmal für Ruhe sorgen, dann wäre Gott sofort gegenwärtig, präsent und erfahrbar.

Man könnte sagen: viel von unserem Stress ist „Kopfsache“. Die Gedanken geben einfach keine Ruhe. Aber es besteht auch die Möglichkeit eine andere Erfahrung zu machen… Die Anknüpfung an die Bibelstelle legt nahe, dass es dazu ein gewisses Engagement braucht.

Was halten Sie von diesem Text?
Ich freue mich von Ihnen zu hören!